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Die interessantesten Szeneviertel Argentiniens

In Argentinien wurde das Barrio, das Stadtviertel oder Kiez, bis vor wenigen Jahrzehnten vor allem mit ruhiger Wohngebiets-Idylle assoziiert. Das urbane Leben fand weitgehend im Zentrum der Städte statt. Dies beginnt sich zu ändern: Immer mehr Städte besinnen sich auf die Schönheiten, die in den etwas abseits, aber doch innenstadtnah gelegenen Quartieren zu finden sind. Und so kommt es, dass fast alle argentinischen Großstädte heute ihre hippen Szeneviertel haben, die teils durchaus mit ihren Pendants in Berlin oder London konkurrieren können. Hier stellen wir einige von ihnen vor.

Palermo Soho, Buenos Aires

Pasaje Russel 5027

Urig, aber schon durchgentrifiziert: Die Gasse Russel in Palermo Soho. Foto: Noe Pagan / Flickr & Wikimedia Commons / CC-BY-SA 2.0

Palermo, der größte Stadtteil von Buenos Aires, galt bis in die achtziger Jahre als reines Wohngebiet. Doch dann begannen sich im etwas heruntergekommenen alten Kern Restaurants, Bars und Galerien anzusiedeln, und irgendwann kam jemand auf die Idee, die Gegend nach dem berühmten Londoner Quartier "Soho" zu nennen. Heute ist Palermo Soho ein Szeneviertel, wie es im Buche steht. Hübsch hergerichtete Straßen mit breiten Gehwegen ermöglichen es den immer zahlreicheren Spaziergängern, in Ruhe die Designerkreationen in den Schaufenstern zu bewundern. Mit ebenso ausgefallenen Gerichten konkurrieren abends zahllose Restaurants der gehobenen Qualitätsklasse.

Palermo Soho war bis vor kurzem noch von der Mittelschicht geprägt, konkurriert heute aber mit Recoleta um den Platz des Szeneviertels der Reichen und Schönen. Neuralgischer Punkt sind die beiden Plazas: Während sich rund um die Plaza Palermo Viejo die Restaurants ballen, ist die kleinere Plazoleta Julio Cortázar in der Straße Serrano das Zentrum der Kneipen und Clubs des Quartiers. Direkt nebenan befindet sich übrigens mit dem - eher weniger sehenswerten - Palermo Hollywood der Arbeitsplatz der Stars und Sternchen mit Film- und Fernsehstudios.

Wo? Palermo Soho liegt etwa 1 km westlich des U-Bahnhofs Plaza Italia und kann von dort aus über die Straße Borges zu Fuß erreicht werden.

Güemes, Córdoba

Achaval Rodriguez Street

Bunt und voller Bars und Galerien: Straße Achával Rodríguez in Güemes. Foto: CroMagnon / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0

Güemes gilt als eines der traditionsreichsten Stadtviertel von Córdoba. Hier befand sich im 19. Jahrhundert ein Platz für die Karren der Händler, um den sich im Laufe der Zeit ein Slum bildete. Von der Armut der Anfangszeit ist heute im Zentrum des "Barrios" kaum noch etwas zu spüren. Diese Gegend gilt heute als Córdobas Künstlerviertel - ihr Kern ist der Paseo de las Artes, ein großes Kulturzentrum mit angeschlossenem Kunsthandwerkermarkt. Der Komplex wurde 1980 in einem Block Sozialwohnungen aus der Gründerzeit errichtet; der Markt zieht jeden Samstag und Sonntag Zehntausende an.

Am Wochenende, das hier am Mittwoch beginnt, tanzt der Bär in den zahlreichen Bars und Clubs, Shops von lokalen Designern bieten selbst sonntags ihre Kreationen an, Antiquitätenläden erinnern an Buenos Aires' San Telmo. Auch ein Kunstmuseum und sehenswerte Altbauten wie die Vizentinermission und die Solano-Kapelle sind in Güemes zu finden. Die Flaniermeile von Güemes ist die enge und verkehrsreiche Straße Belgrano, die schon einen Hauch von Gentrifizierung versprüht. Doch etwas abseits, etwa gegenüber des Kanals La Cañada in Straßen wie der Calle Bolívar, kann man noch die bis heute von der Unterschicht geprägten Wurzeln des Viertels erkunden.

Wo? Vom Patio-Olmos-Shoppingcenter (neben dem Theater San Martín) nach Südwesten über die Diagonalstraße Garzón und schon ist man in der Hauptstraße des Viertels, der Belgrano. Viele Buslinien fahren die parallele Vélez Sársfield hoch, darunter die eng getaktete Linie 50, und über die Belgrano wieder zurück.

Bahnhofsviertel und "La Balcarce", Salta

La Balcarce, ciudad de Salta

Ruhe vor dem (Touristen-)Sturm: Eine Kneipe in Saltas Bahnhofsviertel. Foto: Jikatu / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 2.0

Salta ist nach Buenos Aires die Nummer Zwei auf dem Städtetrip-Ranking bei ausländischen Besuchern in Argentinien. Das liegt nicht nur an den prächtigen Bauten im Zentrum, das als Argentiniens am besten erhaltene Altstadt gilt. Sondern inzwischen auch an der unvergleichlichen Stimmung im urigen Viertel südlich des Bahnhofs, dessen Zentrum die Straße Balcarce ist.

Zahlreiche Wohnhäuser im Kolonial- und Jugendstil wurden hier zu liebevoll dekorierten Lokalen umfunktioniert. In jedem zweiten Laden wird Live-Musik - hauptsächlich, aber nicht nur Folklore - geboten, und die vielen Peñas, Bars und Clubs machen fast die ganze Woche lang die Nacht zum Tag. Neugierige Besucher sollten sich nicht auf La Balcarce beschränken: Gerade in den Nebenstraßen finden sich die etwas alternativeren Ausprägungen der Gastronomie und des Nachtlebens.

Wo? Von der Plaza Güemes im Norden des Stadtzentrums einfach die westlich daran entlangführende Straße Balcarce nach Norden laufen.

Pichincha (Alberto Olmedo), Rosario

Avenida Wheelwright Rosario 1

Etwas heruntergekommen, aber aufstrebend: Die Bahnhofsgegend in Pichincha. Foto: Pablo-flores / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 2.5

Rosarios Stadtteil Pichincha liegt nördlich des Zentrums und heißt offiziell Alberto Olmedo, benannt nach einer Ikone des argentinischen Humors. Im späten 19. Jahrhundert entwickelte sich das Gebiet südlich des Bahnhofs Rosario Norte zum Rotlichtviertel - und damit zu einer der Wiegen des Tangos, der auch im Rosario um 1900 herum in Bordellen und Tanzspelunken beliebt war. Nachdem die Prostitution in den dreißiger Jahren verboten wurde, ging es langsam abwärts, und in den frühen 90er Jahren war mit der vorübergehenden Schließung des Bahnhofs der Tiefpunkt erreicht.

Seitdem ist das Kiez wiedererwacht: Antiquitätenläden, Bars und Galerien haben sich angesiedelt, die Restaurants werden immer schicker und das Nachtleben immer vielfältiger. Im legendären Ex-Bordell Madame Sapho hat sich etwa inzwischen ein gehobenes Hotel eingenistet. Zwei riesige Clubs, einer davon angeblich der größte Südamerikas, sorgen für Stimmung am Wochenende. Jedes Jahr wird ein bunter Karneval gefeiert, und im Parque Rodríguez gegenüber des Bahnhofs findet ein beliebter Kunsthandwerkermarkt statt.

Wo? Bester Ausgangspunkt ist der Bahnhof Rosario Norte. Von dort aus sind es 200 Meter auf der Avenida Wheelwright nach Westen bis zur Straße Pichincha, die nach Süden Richtung Zentrum führt.

Paseo de la Alameda / Parque O'Higgins, Mendoza

La Alameda. Un recorrido peatonal forestado con grandes árboles.

Schattige Promenade: La Alameda. Foto: Itsmemarttin / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0

Mendozas Szenemeile La Alameda ist vielleicht die grünste und schattigste des Landes. Sie liegt etwa eineinhalb Kilometer nordöstlich der Plaza Independencia im Viertel Parque O'Higgins und wurde schon im frühen 19. Jahrhundert als kleine Fußgängerzone an der Avenida San Martín angelegt. Der große Nationalheld San Martín, der am Sieg über die Spanier im Unabhängigkeitskrieg maßgeblichen Anteil hatte, war es auch, der als Gouverneur von Mendoza den Platz erweiterte und verschönerte.

Nachdem im 20. Jahrhundert die Alameda zeitweise im Niedergang begriffen war, lebt sie heute wieder auf. Kneipen, Bars und Restaurants für jeden Geschmack sprießen aus dem Boden, in den Clubs drumherum vergnügen sich die lokalen Hipster, und neugierige Touristen wagen sich immer mehr auch in die Seitenstraßen - die langsam zu Mendozas Szeneviertel werden. Besonders bekannt ist die Alameda für die urigen Bücherstände und die vielen Blumenverkäufer, die ihr ein ganz eigenes Flair geben. Tagsüber können Besucher auch das San-Martín-Museum besichtigen, das dem berühmten General gewidmet ist.

Wo? An der Avenida San Martín, der Hauptstraße des östlichen Zentrums. Die Alameda beginnt 300 Meter nördlich der Avenida Las Heras.

Nueva Córdoba, Córdoba

Paseo del Buen Pastor 2008-07-17

Nächtliches Farbenspiel: Paseo del Buen Pastor in Nueva Córdoba. Foto: Alicia Nijdam (British Columbia, Canada) / Wikimedia Commons / CC-BY 2.0

Nueva Córdoba wurde im späten 19. Jahrhundert als Villenviertel mit breiten Boulevards nach Pariser Vorbild geplant. Heute bleibt das Quartier zwar von den Grundstückspreisen her eines der teureren Stadtbezirke der Eineinhalbmillionenstadt, doch statt Großbürgern dominieren heute Studenten das Straßenbild, und statt Villen erhebt sich ein Wohnturm neben dem anderen.

Besonders die Straße Rondeau ist für ihre zahlreichen Studentenkneipen berühmt, wobei es zwischen den immer häufigeren Hipsterbars durchaus auch günstige Alternativen wie den urigen, fast schäbigen Rock-Pub Don Mario gibt. An der Plaza España ballen sich die Museen der Stadt, darunter der Avantgardetempel Museo Caraffa und der kunsthistorische Palacio Ferreyra. Als moderner Mittelpunkt präsentiert sich der Paseo del Buen Pastor, ein umgestaltetes Gefängnis. Hübsch ist auch die Anlage des Viertels mit seinen von Bäumen gesäumten Straßen und der Backstein-Hochhausarchitektur. Und zwischendrin findet sich immer mal wieder ein altes Jugendstilhaus, das den Bauboom überdauert hat.

Wo? Wie bei Güemes (s.o.) ist der Patio Olmos Shopping der beste Ausgangspunkt. Von dort aus einfach nach Südosten durch die breite Avenida Yrigoyen - sie kommt am Paseo del Buen Pastor vorbei und endet an der Plaza España mit ihren Museen. Diese wird zudem von zahlreichen Buslinien (u.a. 20 mit engem Takt) angefahren.

Barracas, Buenos Aires

Buenos Aires - Barracas - Calle Lanín - 20071215g

Der neue Caminito? Die Straße Lanín in Barracas. Foto: Barcex / Wikimedia Commons / GFDL & CC-BY-SA (3.0 oder 2.5)

Der Namen lässt schon erahnen, dass Barracas nicht das nobelste Viertel der argentinischen Grande Capitale darstellt. Noch heute herrscht das Elend in weiten Teilen des Bezirks am Ufer des Hafenflusses Riachuelo. Doch Politik und Wirtschaft haben das Potenzial des Quartiers mit seinen zahllosen verlassenen Fabrikhallen erkannt.

So siedelten sich mit staatlichen Subventionen Kunstprojekte und Start-ups aus der Design-Branche an, und in einigen Bereichen, etwa an der Avenida Montes de Oca, hat schon die Gentrifizierung Einzug gehalten. Auch Hostels sprießen langsam aus dem Boden. Ein kleines und etwas verstecktes Schmuckstück ist die Straße Lanín, deren Fassaden von mehreren zeitgenössischen Künstlern im abstrakten Stil bemalt wurden.

Wo? Barracas ist groß und etwas unüberschaubar; die nächste U-Bahn-Anbindung ist der Bahnhof Constitución. Die Straße Lanín liegt 100 m westlich der Herrera (Buslinien von Constitución aus u.a. 100, 60) und kann von dieser zu Fuß erreicht werden. Als Zentrum von Barracas gilt dagegen die Gegend rund um die Avenida Iriarte (Bus: 46 oder 70 ab Constitución).

Barrio Norte, Tucumán

Tucuman sfrancisco barrio norte

Hochhäuser und Altbauten: Barrio Norte von oben. Foto: José Lazarte / Wikimedia Commons / Public Domain

Wenn es in Argentiniens fünftgrößter Stadt San Miguel de Tucumán so etwas wie ein Szeneviertel gibt, dann ist dies das Barrio Norte. Läuft man von der zentralen Plaza Richtung Norden, so ändert sich kurz nach der Straße San Juan das Bild: Das chaotische, von engen Straßen geprägten Zentrum weicht breiteren, von Bäumen gesäumten Schluchten aus stilvollen Hochhäusern, zwischen denen ab und zu mal ein historisches Jugendstilwohnhaus oder ein schöner alter Backsteinbau hervorlugt.

Straßencafés, Restaurants und Bars findet man an jeder Ecke. Sehenswert ist die von Prachtbauten gesäumte Avenida Sarmiento. Das Nachtleben von Tucumán hat etwas westlich der Plaza Urquiza in der Straße Maipú seinen traditionellen Hauptsitz. Südwestlich des Kiezes liegt eine etwas urigere Alternative: die Gegend südlich des Bahnhofs rund um die Plaza Alberdi, wo besonders in der Straße San Juan ebenfalls ein kleiner Szene-Hotspot entstanden ist.

Wo? Über die Straße 25 de Mayo von der Plaza de la Independencia ca. 500 m nach Norden. Die Nachtlebens-Meile Maipú liegt 200 m westlich.

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