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Die Provinz Santiago del Estero - Porträt & Reiseführer

Die Provinz Santiago del Estero befindet sich im Norden Argentiniens in einer zentralen Lage zwischen der Chacoebene im Osten und Norden, den Sierras Pampeanas im Westen und Süden und der Pampa im Südosten. Während im Süden Hügel- und Mittelgebirgsketten das Land auflockern, sind Norden und Osten größtenteils flach.

Die Hauptentwicklungsachse ist das landwirtschaftlich geprägte reiche Gebiet entlang der Nationalstraße 9 und der Flüsse Dulce und Salado zwischen der Grenze zur der Provinz Santa Fe im Osten und dem Fremdenverkehrszentrum Termas de Río Hondo im Westen. Ansonsten ist die Provinz dünn besiedelt und wird nur im geringen Maße landwirtschaftlich genutzt, die Armut ist im Landesinneren extrem.

Kulturell stellt Santiago del Estero einen Sonderfall dar: In den ländlichen Regionen der Provinz wird noch die alte Inka-Sprache Quechua gesprochen, in einer vom Aussterben bedrohten eigenen Variante, dem Quichua Santiagueño. Obwohl die Sprache seit den 1980er Jahren unter Schutz steht, hat sie im öffentlichen Leben kaum Bedeutung.

Das Río-Dulce-Tal: Ein Thermalmekka und die Mutter aller Städte

Plaza Libertad en Santiago del Estero

Plaza Libertad in Santiago del Estero. Foto: Darío Alpern / Wikimedia Commons / GFDL & CC-BY-SA

Santiago del Estero liegt im fruchtbaren Tal des Río Dulce und ist die älteste heute noch erhaltene Stadt Argentiniens. Sie wurde bereits 1550 oder 1553 gegründet, wobei das genaue Jahr unbekannt ist. Ganz anders als es der Name Madre de Ciudades (Mutter der Städte) erahnen lassen könnte, macht die Stadt heute einen modernen Eindruck, auch im Vergleich zu anderen argentinischen Städten. Kolonialarchitektur findet sich so gut wie keine, stattdessen einige zeitgenössische Glaspaläste. Dennoch ist die etwas über 250.000 Einwohner zählende Stadt mit ihren schönen Plazas, einigen hübschen Altstadtgassen mit Gründerzeitarchitektur und den zahlreichen Museen sehenswert.

In der Umgebung der Stadt dominiert die Land- und Viehwirtschaft, so haben sich im gesamten Tal mehrere Kleinstädte als Dienstleistungszentren für die Agrarwirtschaft gebildet. Besonders sehenswert ist keine von ihnen. Die Industrie bleibt wenig bedeutend und beschränkt sich weitgehend auf mittelständische Betriebe. Auch wegen dieser wirtschaftlich einseitigen Ausrichtung bleibt selbst die Hauptstadtregion arm und von Zuschüssen der Bundesregierung abhängig.

Im Westen des Tals nahe der Grenze zu Tucumán liegt der Stausee Río Hondo, an dessen Südufer das größte Heilbad Argentiniens, Termas de Río Hondo, angelegt wurde. Der Ort ist modern und sauber und macht mit seinen zahlreichen Hotelburgen und lebendigen Einkaufsstraßen einen ähnlichen Eindruck wie die Seebäder am Atlantik. Rund um den See haben sich zum Teil Luxushotels angesiedelt, denn auch der Sommertourismus befindet sich im Aufschwung.

Der Süden: Sierren und lebendige Traditionen

Templo católico de Villa La Punta

Kirche von Villa La Punta. Foto: Pertile / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0

Der Süden von Santiago del Estero ist geographisch ein Übergangsgebiet zwischen der Chaco-Ebene und den Sierras Pampeanas. Hier erheben sich die einzigen nenneswerten Gebirgszüge der Provinz, sie erreichen jedoch mit maximal 717 m weit geringere Höhen als im südlich anschließenden Córdoba.

Dennoch ist die liebliche Landschaft einen Besuch wert. Die Sierra de Guasayán im Westen besticht mit einer üppigen subtropischen Vegetation und einem feuchten Mikroklima, das bereits an die Urwälder in Tucumán und Salta erinnert. Sie gilt als eines der besten Mountainbike-Reviere Argentiniens. Ausgangspukt ist das kleine Dorf La Punta, das aber nur einfache Unterkünfte bietet. Im weiteren Einzugsgebiet liegt die Stadt Frías, die drittgrößte der Provinz mit 25.000 Einwohnern.

Unwesentlich niedriger sind die Bergketten Sierra de Ambargasta und Sierra de Sumampa im Südosten, deren Vegetation merklich trockener ist. Bekannt ist die Region besonders wegen der Folklore-Kultur, die etwa im winzigen Atamisqui eines ihrer Zentren besitzt. Auch einige historische Bauten wie das alte Ensemble Sumampa Viejo finden sich verstreut in der Landschaft.

Der Norden: Buschwälder, Salzseen und Quechua-Kultur

Río Salado del Norte desde el puente de Suncho Corral hacia el Norte

Der Río Salado bei Suncho Corral. Foto: Pertile / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0

Nördlich des Río Dulce erstreckt sich der weite Norden von Santiago del Estero. Abgesehen von einer abgelegenen Bergkette im Nordwesten ist das Gebiet flach. Weite Flächen sind noch von fast unberührtem Chaco-Trockenwald bedeckt. Am leichtesten zu erreichen ist der Nationalpark Copo, der sich an der Nationalstraße 16 nahe der Grenze zur Provinz Chaco entlangzieht. Doch auch in der Umgebung der Provinzhauptstadt finden sich einige interessante Gegenden mit kleinen Salzpfannen, Stauseen, Sumpfgebieten und kleinen urigen Dörfchen.

Der Norden ist die ärmste und am wenigsten bekannte Region von Santiago del Estero. In weiten Gebieten wird noch traditionelle kleinbäuerliche Landwirtschaft betrieben, die jedoch wegen des von langen Trockenzeiten geprägten Klimas mit häufigen Dürren die Armut kaum lindert. Die Städte und Dörfer sind meist Neugründungen. Kaum eine ist wirklich sehenswert, doch einige Orte wie Suncho Corral besitzen durchaus einige hübsche Altbauten. Ein weiterer Anziehungspunkt ist der fischreiche, von üppigem Grün gesäumte Río Salado.

In den Dörfern wird zum Teil noch Quichua Santiagueño, ein Dialekt aus der Quechua-Sprachfamilie, gesprochen. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten viele Absichtserklärungen der Politik, mehr für die Erhaltung dieser kulturellen Eigenart zu tun. Doch bisher gibt es nur wenige Schulen, in denen ein zweisprachiger Unterricht stattfindet. Die bekannteste von ihnen im unscheinbaren Dorf Bandera Bajada mitten in der Chaco-Savanne, wo kreative Lehrer beispielsweise bereits im Jahr 2001 ihre Schüler eine Website auf Quichua gestalten ließen. In den Medien liest man von diesen Entwicklungen jedoch nur wenig.

Die wichtigsten Reiseziele in Santiago del Estero

Edificio municipal de Termas de Río Hondo

Das Rathaus von Termas de Río Hondo. Foto: Darío Alpern / Wikimedia Commons / GFDL & CC-BY-SA

  • Santiago del Estero. Die Provinzhauptstadt lässt kaum anmerken, dass sie die älteste Stadtgründung Argentiniens ist. Außer einer winzigen Kapelle stammen alle historischen Gebäude frühestens aus dem 19. Jahrhundert. Sehenswerte Bauten sind die neokoloniale Kathedrale, das Kloster San Francisco Solano mit besagter Kapelle aus der Kolonialzeit, die Santo-Domingo-Kirche, die La Merced-Kirche (beide aus dem 19. Jahrhundert) und das Theater 25 de Mayo. Die Museen behandeln die Themen Geschichte, bildende Künste, Religionskunst und Archäologie. Zwei schöne Plazas im Zentrum, die Plaza Libertad mit verkehrsberuhigten Seitenstraßen in der Altstadt und die etwas abseits gelegene Plaza Diego de Rojas laden zum Flanieren ein.
  • Termas de Río Hondo. Die 35.000-Einwohner-Stadt im Westen der Provinz ist das wichtigste Heilbad Argentiniens mit Thermalquellen von bis zu 75 Grad Celsius. Aber auch im Sommer ist die Stadt dank des großen Stausees des Río Hondo mit hervorragenden Bade- und Wassersportmöglichkeiten ein beliebtes Reiseziel. Trotz des Rummels gibt es am See noch einige schöne naturnahe Stellen, wo der Trockenwald bis ans Wasser reicht.
  • Sumampa. Die Hauptattraktion des kleinen Ortes im Süden von Santiago del Estero ist die Kirche, die im Jahr 1654 erbaut wurde und damit eine der ältesten erhaltenen Sakralbauten Argentiniens ist. Sie liegt etwa 3 km östlich des Zentrums des Ortes in einem Tal des Mittelgebirges Sierra de Sumampa.
  • La Punta und Sierra de Guasayán. Die Bergkette im Westen der Provinz besitzt ein einmaliges Mikroklima mit üppiger subtropischer Vegetation. Bekannt ist das Mittelgebirge als Wander- und Mountainbikeziel. Der Ort La Punta ist der beste Ausgangspunkt, besitzt jedoch nur einfache Unterkünfte.
  • Nationalpark Copo. Der Nationalpark schützt 114.000 Hektar Trockenwald im dünn besiedelten Norden der Provinz. Mit Jaguaren, Nabelschweinen und Riesengürteltieren sind auch große Wildtiere vertreten. Der Zugang befindet sich in der Ortschaft Pampa de los Guanacos. Es ist zu empfehlen, den Park zwischen April und November zu besuchen und die heißen und feuchten Sommermonate zu vermeiden.

Geheimtipps in Santiago del Estero

Lospozos366

Sumpfgebiet bei Añatuya. Foto: Soda Pop / Public Domain

  • Villa Ojo de Agua. Der Ort ist das Dienstleistungszentrum im Süden der Provinz und der Ausgangspunkt für Touren in die südlichen Bergketten Sierra de Sumampa und Sierra de Ambargasta. Er bietet ein nettes Zentrum mit Gründerzeitarchitektur und eine passable Infrastruktur für Reisende.
  • Añatuya. Die größte Stadt des Ostteils der Provinz mit etwa 25.000 Einwohnern bietet schöne Boulevards und Grünanlagen rund um die Bahnstation. Hauptattraktion der Region ist das Sumpfgebiet Bañados de Añatuya mit einer intakten Tierwelt.
  • Atamisqui. Der kleine Ort liegt in der Chaco-Ebene im Süden der Provinz und ist bekannt für seine traditionsreichen Webereien. In der Folkloreszene ist das Dorf bekannt für die Sachaguitarra, eine kuriose Mischform aus Gitarre und Mandoline, die von einem lokalen Musiker erfunden wurde und der ein kleines Museum gewidmet wurde.
  • Loreto / Villa San Martín. Die etwas unscheinbare Stadt ist ein bekannter regionale Wallfahrtsort dank der alten Marienstatue aus dem 17. Jahrhundert, die in der Iglesia Nuestra Señora de Loreto aufbewahrt wird.
  • Der Norden. Kaum eine Gegend Argentiniens wird so konsequent von den Reiseführern ignoriert wie der flache Norden von Santiago del Estero. Mit Buschwäldern, kleinbäuerlicher Wirtschaft und Quechua-Kultur, Salzseen und Lagunen sowie dem grünen Tal des bei Anglern für seinen Fischreichtum bekannten Río Salado gibt es für Neugierige trotz großer Armut und geringer touristischer Infrastruktur einiges zu entdecken.

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