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Wahl 2019: Wer ist Alberto Fernández?

Es war ein cleverer Schachzug: Monatelang war erwartet worden, dass Ex-Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner selbst erneut für die Präsidentschaft antreten könnte. Die umstrittene Politikerin hätte aber kaum Chancen gegen Amtsinhaber Macri gehabt. Zu schwer wiegen die Korruptionsvorwürfe aus ihrer Regierungszeit - die Ex-Staatschefin ist in acht Affären angeklagt.

Dann der Schock für das Regierungslager: Kirchner gab im Mai bekannt, dass ein gewisser Alberto Fernández sich bereit erklärt habe, als Kandidat der peronistischen Partei PJ anzutreten, mit ihr selbst als Vizekandidatin. Ihr Segen war entscheidend, denn die Ex-Staatschefin hat noch viele Anhänger, besonders unter den armen Vorortbewohnern der Großstädte und im schon immer benachteiligten Hinterland im Norden und Süden des Landes. Bei der Vorwahl am 11. August kam die Belohnung für den Coup: Fernández holte über 49 Prozent gegenüber 32 bei Macri. Obwohl das Ergebnis formell nichts wert ist, ist er damit zum großen Favoriten auf den Wahlsieg am heutigen 27. Oktober aufgestiegen.

Alberto Fernández habló con la prensa

Hat angesichts der Umfragewerte gut lachen: Alberto Fernández bei einem Interview (Quelle: Todo Noticias via Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY 3.0)


Alberto Fernández: Auch im Inland kein Polit-Star


Nicht nur im Ausland ist Alberto Fernández wenig bekannt. Auch die meisten Argentinier mussten nach seiner Kandidatur wohl erst einmal seine Biografie googeln, denn zur A-Politprominenz zählte er 2019 nicht mehr. Einige erinnerten sich noch an die Zeit unter Néstor Kirchner, als Fernández Kabinettschef war. 2003 trat er diesen Posten an, der dem eines zurechtgestutzten Ministerpräsidenten entspricht, aber kaum wirkliche Macht hat. 2008 schied er aus dem Amt aus, ausgerechnet wegen Differenzen mit Cristina Kirchner.

Aber der 1959 in Buenos Aires geborene Fernández ist schon weit länger in der Politik aktiv. Es gibt kaum eine Regierung seit der Demokratisierung 1983, in der der Jurist nicht irgend ein kleineres Amt bekleidete. Kurios einmal: Die politischen Ursprünge des „Linkskandidaten“, wie er in europäischen Medien oft oberflächlich bezeichnet wird, liegen 1982 in der erzkonservativen Partido Nacionalista Constitucional UNIR. Fernández war kurzzeitig sogar Präsident der Jugendorganisation dieser Partei, lief aber 1983 zur Partido Justicialista (PJ), der Partei der Peronisten über. Zunächst begann er nach seiner Habilitation 1985 als Professor für Strafrecht in der Universität Buenos Aires (UBA) zu arbeiten. Den Lehrstuhl hat er bis heute inne.

Im selben Jahr erlangte er seine erste Prise Regierungserfahrung: Unter Präsident Raúl Alfonsín – seines Zeichens Mitglied der größten Konkurrenzpartei zu den Peronisten, der sozialliberalen UCR – wurde er Subdirektor für juristische Angelegenheiten im Wirtschaftsministerium. Sein Chef, der parteilose Ökonom Juan Sourrouille, ist bekannt für den Austral-Plan, eine Schocktherapie gegen die Inflation mit Währungsreform, die zunächst zwar Erfolge zeigte, aber 1989 in eine Hyperinflation mündete. Dass Fernández hierauf Einfluss hatte, ist angesicht seines noch jungen Alters und der wohl geringen Erfahrung aber unwahrscheinlich.

Im Wirtschaftssektor verblieb Fernández auch weiterhin: 1989 wurde er unter dem peronistischen Präsidenten Carlos Menem zum Superintendanten für das Versicherungswesen ernannt. Diese Zeit gilt auch als dunkler Fleck in seiner Karriere: Fernández soll laut Recherchen der Journalisten Julio Nudler und Santiago O’Donnell politisch mitverantwortlich für eine „Plünderung“ der Staatskassen während Menems Regierungszeit durch Versicherungsunternehmen sein. Eine staatliche Versicherung für die Versicherer namens INdeR soll Policen auch in Fällen mit äußerst schwacher Beweislage ausgezahlt haben – kurz gesagt: es kam mutmaßlich zu Versicherungsbetrug mit Komplizenschaft des Staates.


Die Calafate-Gruppe: Wie Fernández mit den Kirchners anbandelte


1998 – Fernández war inzwischen im staatlichen Banksektor aktiv – kam es zu einem denkwürdigen Treffen, das die Politik des nächsten Jahrzehnts nachhaltig beeinflussen sollte. In Calafate, der für ihre atemberaubenden Gletscher bekannte Tourismusmetropole in der Provinz Santa Cruz, kamen auf Einladung des Provinzgouverneurs und späteren Präsidenten Néstor Kirchner eine Gruppe Politiker zusammen, darunter auch Alberto Fernández. Diese „Calafate-Gruppe“ war gegen die „neoliberale“ Politik von Carlos Menem und besonders seine Wiederwahlpläne eingestellt und wurde zur Keimzelle des späteren Kirchnerismo. Neben Fernández gehörte Kirchners Frau Cristina Fernández der Calafate-Gruppe an, dazu kam unter anderem der mächtige Gouverneur der Provinz Buenos Aires Eduardo Duhalde. Es folgte für Fernández ein kurzes Intermezzo im Stadtrat in Buenos Aires, bei dem Fernández nicht für die peronistische PJ, sondern für eine konservative Partei antrat.

Die Calafate-Gruppe hatte großen Einfluss auf die Kandidatur von Néstor Kirchner, der in der Wahl 2003 schließlich zum Präsidenten gewählt wurde. Er designierte Alberto Fernández als Kabinettschef. Während dieser Zeit war er einflussreich bei der Ausrichtung der Handelspolitik auf den Nachbarn Brasilien, mit dem Argentinien bis in die nächste Dekade hinein eine gute Beziehung führte. Er trat auch als Sprecher der Regierung auf, wobei ab und zu sein etwas ruppiger Stil kritisiert wurde. Insgesamt galt er jedoch als Pragmatiker und der damalige Wirtschaftsboom gab der Regierung erst einmal recht.


Bruch und Wiederversöhnung


Nachdem Cristina Kirchner 2007 nach einem deutlichen Wahlsieg ihrem Mann im Präsidentenamt nachfolgte, blieb Fernández zunächst Kabinettschef. Doch dies währte nicht lange: Die neue Regierung war ab März 2008 wegen einer Erhöhung der Exportsteuern für Agrargüter in eine Krise geraten. Im Juli, nachdem die Änderung nach monatelangen Protesten vom Senat zurückgenommen wurde, reichte Fernández seinen Rücktritt ein, um der Regierung Luft zu geben, wie er es in seinem Rücktrittsschreiben formulierte.

Zunächst entfernte sich Alberto Fernández von der Politik. In den Folgejahren trat er oft als Kritiker der Kirchner-Regierung auf. So äußerte er sich gegen die Devisenbeschränkungen ab 2011, die Manipulation der Inflationsstatistiken und eine geplante Justizreform, die er als undemokratisch bezeichnete. 2012 gründete er mit PARTE eine eigene Partei und schloss sich damit der peronistischen Erneuerungsbewegung Frente Renovador unter Sergio Massa für die Wahlen 2013 und 2015 an. Massa, der 2013 noch ein sehr gutes Ergebnis erzielte, verlor die Wahl 2015 als Dritter gegen Mauricio Macri.

2019 kam es schließlich zur Versöhnung mit Cristina Kirchner. Erste gemeinsame Auftritte gab es Anfang Mai während der Präsentation von Kirchners Buch Sinceramente, in dem sie ihre Politik verteidigte und gegenüber ihren Kritikern austeilte. Am 18. Mai schließlich machte Kirchner die gemeinsame Kandidatur für die Präsidentschaftswahl öffentlich.

Der Coup sorgte dafür, dass die zwei seit 2013 getrennten Flügel des Peronismus – Massas Frente Renovador und Cristina Kirchners Unterstützer – wieder gemeinsam antraten. Präsident Macri, der wohl schon ahnte, was dies für seine Wiederwahlpläne bedeuten könnte, wollte noch mit der Ernennung des Rechtsperonisten Miguel Pichetto zu seinem Vize-Kandidaten einen Keil in die neue peronistische Harmonie treiben. Doch kaum ein PJ-Politiker von Rang und Namen folgte Pichetto in seine Allianz.

Der Rest ist bekannt: Alberto Fernández erreichte in der Vorwahl am 11. August 49,49 Prozent der gültigen positiven Stimmen und schlug Macri damit um mehr als 16 Prozentpunkte. Damit ist er der große Favorit auf den Sieg bei der richtigen Wahl, die am Sonntag, den 27. Oktober stattfindet. Denn 45 Prozent reichen in Argentinien aus, um eine Stichwahl zu vermeiden und sofort in die Casa Rosada einzuziehen.

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